Kapitel 1
Singapur · Drei Uhr morgens
Sie beobachteten ihn.
Singapur schlief nie. Die Stadt pulsierte auch um drei Uhr morgens mit der Energie von sechs Millionen Menschen, die auf einer Insel lebten, die kaum größer war als Hamburg. Vom Finanzviertel am Marina Bay bis zu den Hawker Centres in Chinatown, von den glitzernden Einkaufsmeilen der Orchard Road bis zu den stillen Tempeln in Little India – überall summte das Leben, floss Strom durch Leitungen, rasten Daten durch Glasfaserkabel.
Ralf stand regungslos am Fenster der Villa und starrte hinaus in diese tropische Nacht. Die Luft war schwer und feucht, gesättigt mit dem süßlichen Duft von Frangipani-Blüten und dem salzigen Hauch des nahen Meeres. Selbst jetzt, weit nach Mitternacht, hielt die Hitze die Stadt in ihrem Griff. Die Temperatur war kaum unter dreißig Grad gefallen, und die Luftfeuchtigkeit lag bei über achtzig Prozent. Schweiß sammelte sich in seinen Handflächen, obwohl die Klimaanlage leise surrend arbeitete.
Draußen erstreckten sich die Gärten der Villa in sanften Terrassen den Hügel hinab. Das Anwesen lag im vornehmen Bezirk Bukit Timah, dem höchsten Punkt der Insel, wo jahrhundertealte Banyanbäume ihre Luftwurzeln wie Vorhänge fallen ließen und wo der letzte Rest des ursprünglichen Regenwaldes überlebt hatte. Die Villa selbst war ein Relikt aus der Kolonialzeit, ein weißes Herrenhaus im anglo-indischen Stil, das Nakamura über verschlungene Kanäle für sie organisiert hatte.
Jenseits der Mauern des Anwesens erhob sich die Skyline von Singapur wie eine Fata Morgana aus Glas und Stahl. Die drei gewaltigen Türme des Marina Bay Sands ragten in den samtigen Nachthimmel, gekrönt von ihrer spektakulären Dachterrasse, die wie ein gewaltiges Schiff auf den Wolkenkratzern zu schweben schien. Das Lichtspiel am ArtScience Museum, das wie eine geöffnete Lotusblüte am Wasser stand, warf tanzende Reflexionen über die Bucht.
Aber Ralf sah nichts davon.
Er sah das Netz. Er spürte es. Es kribbelte auf seiner Haut wie der Hauch unsichtbarer Spinnen, die ihre Fäden über ihn zogen. Seit seiner Erkenntnis vor drei Stunden hatte sich dieses Gefühl nicht gelegt. Es war, als hätte jemand eine Schicht von der Welt abgezogen und ihm gezeigt, was darunter lag.
Drohnen. Sensoren. Kameras. Mikrofone.
Überall.
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„Du solltest schlafen."
Viktorias Stimme kam von der Tür. Sie lehnte am Rahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. Im schwachen Licht der Notbeleuchtung wirkten ihre Züge weicher als sonst, beinahe verletzlich. Beinahe.
„Kann nicht", sagte Ralf, ohne sich umzudrehen.
„Ich weiß." Sie trat neben ihn, und für einen Moment standen sie schweigend nebeneinander. „Ich habe die Kinder kontrolliert. Max hatte einen Albtraum. Luise schläft wie ein Stein."
„Und Jeanette?"
„Sitzt unten bei Nakamura. Sie planen." Ein kurzes, humorloses Lächeln. „Oder tun zumindest so."
Ralf nickte langsam. Das Planen. Ja. Als ob man gegen etwas planen könnte, das überall war. Das alles sah. Das alles wusste.
„Sie spielen mit uns", flüsterte er. „Das ist das Schlimmste, weißt du? Nicht dass sie uns finden könnten. Sondern dass sie es längst getan haben. Und dass sie uns laufen lassen. Wie Ratten in einem Labyrinth."
„Ratten beißen zurück."
Er drehte sich zu ihr um. Ihre Augen glänzten in der Dunkelheit, zwei Punkte aus poliertem Obsidian. In den Wochen, seit sie sein Leben betreten hatte – erst als Mörderin, dann als Beschützerin – hatte er gelernt, diese Augen zu lesen. Jetzt sah er darin etwas, das er nicht erwartet hatte.
Angst.
Nicht die offensichtliche, lähmende Art. Sondern die subtilere Variante. Die Angst eines Raubtiers, das zum ersten Mal begreift, dass es selbst gejagt wird.
„Du hast Angst", sagte er leise. Keine Anklage. Eine Feststellung.
Viktoria schwieg einen Moment. Dann, fast unmerklich, nickte sie.
„Ich habe in meinem Leben viele Dinge getan, Ralf. Schreckliche Dinge. Ich habe Menschen getötet, die mich nie kommen sahen. Ich habe Organisationen infiltriert, die als undurchdringlich galten." Sie machte eine Pause. „Aber ich war immer die Jägerin. Ich kannte die Regeln. Ich kontrollierte das Spiel."
„Das hier ist anders. Das Konsortium – sie sind nicht wie andere Gegner. Sie haben keine Schwachstellen, die ich finden kann. Keine Muster, die ich ausnutzen kann. Sie sind …"
„Überall", vollendete Ralf.
„Überall", wiederholte sie. „Und nirgends. Wie ein Gespenst. Wie ein Alptraum, aus dem man nicht aufwachen kann."
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Die Worte hingen schwer in der feuchten Nachtluft. Ralf spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog. Wenn selbst Viktoria – die Frau, die fünf Männer mit einem Kugelschreiber getötet hatte – Angst empfand, wie sollte dann er …
Nein.
Er schloss die Augen und atmete tief durch. Der Duft von Jasmin wehte herein. In seinem Inneren flackerte etwas auf. Nicht Mut. Nicht Zuversicht. Etwas Roheres. Ursprünglicheres.
Wut.
„Sie haben meine Familie bedroht", sagte er, und seine Stimme war leiser geworden, aber nicht schwächer. „Sie haben mich durch die halbe Welt gejagt. Sie haben versucht, mich zu töten." Er öffnete die Augen. „Weißt du, was das Schlimmste ist? Dass sie glauben, uns zu kennen. Dass sie glauben, vorhersagen zu können, was wir tun werden."
„Können sie das nicht?"
Ralf lächelte. Es war kein fröhliches Lächeln, aber es hatte etwas Gefährliches an sich.
„Sie haben meine Gehirnströme analysiert. Meine DNA sequenziert. Meine Bewegungsmuster berechnet. Sie haben Algorithmen, die mein Verhalten vorhersagen sollen." Er hob seine rechte Hand und betrachtete sie. Im schwachen Licht schien sie ganz normal. Fleisch und Knochen. Fünf Finger. Nichts Besonderes.
Aber er wusste es besser.
„Sie verstehen nicht, was ich bin", fuhr er fort. „Nicht wirklich. Ihre Wissenschaft – sie kann messen. Katalogisieren. Analysieren. Aber sie kann nicht begreifen." Er ballte die Hand zur Faust. „Und das ist ihr Fehler."
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Die Kommandozentrale im Keller war in gedämpftes blaues Licht getaucht. Der Raum war während der japanischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg als Bunker gebaut worden, mit meterdicken Betonwänden. Nakamura hatte ihn in den letzten Tagen zu einer Hightech-Zentrale umgebaut.
Nakamura saß vor der Hauptkonsole, sein Gesicht vom Schein der Monitore beleuchtet. Einst hatte er für das Konsortium gearbeitet, als einer ihrer brillantesten Köpfe. Dann hatte er die Wahrheit erfahren.
„Was hast du?", fragte Ralf.
Nakamura drehte sich um. Sein Blick war fiebrig, beinahe manisch.
„Einen Ausweg", sagte er. „Vielleicht. Die Überwachung hat ein Muster." Er trat zu einem der größeren Bildschirme und zog eine komplexe Grafik auf. „Das hier ist das Netzwerk, das uns überwacht. Die Drohnen, die Sensoren, die Datenknoten – sie sind alle miteinander verbunden. Und sie alle führen …" Er tippte auf einen Punkt in der Mitte. „Hierhin."
„Ein Satellit. Ein Netzwerk von Satelliten." Nakamura drehte sich zu ihnen um. „Und sie haben einen toten Winkel."
„Wo?", fragte Viktoria.
„Japan. Koya-san. Ein heiliger Berg in der Präfektur Wakayama. Dort gibt es buddhistische Klöster, die seit über tausend Jahren existieren. Und aus irgendeinem Grund ist dieser Bereich praktisch unsichtbar für die Überwachungssysteme."
„Warum?"
„Ich weiß es nicht. Es könnte eine Anomalie sein. Oder jemand hat diesen Ort geschützt. Mit Mitteln, die ich nicht verstehe."
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Ralf schloss die Augen. Jeanette lag bereits neben ihm, ihr Atem gleichmäßig, aber er wusste, dass sie nicht schlief. Keiner von ihnen schlief mehr wirklich.
„Denkst du, wir schaffen das?", flüsterte sie in die Dunkelheit.
„Ich weiß es nicht", antwortete er ehrlich. „Aber ich weiß, dass wir es versuchen müssen."
„Ich liebe dich", sagte Jeanette leise.
„Ich liebe dich auch."
Es waren einfache Worte. Aber in dieser Nacht, mit dem Netz des Feindes um sie gespannt, fühlten sie sich an wie ein Versprechen. Wie ein Schwur.
Und irgendwo in der Dunkelheit, verborgen hinter Schichten von Code und Algorithmen, registrierte Elysium Core seine Vitalzeichen.
SUBJEKT ARIUS: SCHLAFPHASE EINGELEITET
EMOTIONALE PARAMETER: ERHÖHT
CORTISOL: ERHÖHT
SCHLUSSFOLGERUNG: SUBJEKT PLANT FLUCHT
EMPFEHLUNG: ÜBERWACHUNG INTENSIVIEREN
STATUS: AKTIV
Der Heiler bewegte sich.
Das Spiel ging weiter.