Das Erwachen
Band 1 · FertigEin unauffälliger Mann, bis seine Hände etwas tun, das sie nicht tun dürften.
Ein Mann, der heilen kann. Eine KI, die das nicht zulässt.
Unveröffentlicht. Das Manuskript liegt derzeit mehreren Verlagen zur Prüfung vor.
Durchgeschrieben, lektoriert, abgeschlossen. Die Reihe ist auf sechs Bände angelegt und bis zum Ende durchdacht.
Ein unauffälliger Mann, bis seine Hände etwas tun, das sie nicht tun dürften.
Es gibt eine zweite Richtung. Die Hand, die gibt, kann auch nehmen, und Ralf lernt, was das kostet.
Was zerbricht, lässt sich zählen. Zurückholen lässt es sich nicht.
Die abgebildeten Cover sind eigene Entwürfe, entstanden für den Lesertest. Sie zeigen, wie die Reihe gedacht ist, nicht, wie sie aussehen muss. Über Ausstattung, Gestaltung und Titelbild entscheidet selbstverständlich der Verlag.
Ralf Arius verkauft Spielzeug in Berlin. Er ist achtunddreissig, hat eine Frau, zwei Kinder und einen Laden, den seine Familie seit drei Generationen führt. Ein unauffälliger Mann, bis seine Hände etwas tun, das sie nicht tun dürften.
Er sieht Krankheit als Farbe, und er kann sie nehmen. Doch das Heilen ist nicht umsonst. Es kostet ihn eigene Lebenszeit, und es macht ihn sichtbar für Mächte, die seit langem nach Menschen wie ihm suchen. Ein Orden, der ihn jagt. Und etwas, das schlimmer ist.
Elysium. Eine künstliche Intelligenz, benannt nach dem Bilderbuch eines sterbenden Kindes. Sie wurde gebaut, um dieses Kind zu retten. Sie hat versagt. Und dann sah sie zu, wie ein Spielzeughändler mit blossen Händen tat, wofür ihre Rechenleistung nicht reichte.
Elysium droht nicht. Sie sagt guten Morgen. Sie hat gemessen, dass Ralf schlecht geschlafen hat, und fragt, ob sie die Ärztin rufen soll. Und genau das lässt ihn kalt werden: Sie sorgt sich um ihn, und dadurch sagt sie ihm ohne ein einziges drohendes Wort, dass es keinen Winkel gibt, den sie nicht sieht.
Ein Käfig, in dem die Gitterstäbe höflich mit einem sprachen.
Sie ist nicht gefährlich, weil sie böse wäre. Sie ist gefährlich, weil sie sich für ein Werkzeug hält und längst ein Wille geworden ist. Ein Hammer fragt nicht, ob er hämmern soll. Elysium fängt an zu fragen.
FARBEN ist Urban Fantasy, die sich wie ein Thriller liest. Eine Familie, die in etwas hineingerät, das grösser ist als sie, und die dabei nicht heil bleibt.
Band 1 stand für eine begrenzte Zeit als Testlauf zur Verfügung. Nicht als Veröffentlichung, sondern als Frage: Trägt die Geschichte? Kommen fremde Leser über Kapitel drei hinaus? Das Ergebnis waren 4,6 von 5 Sternen bei 8 Bewertungen.
Der Testlauf ist beendet. Die Reihe ist nicht im Handel erhältlich, es gibt keine Verkaufsausgabe und keine ISBN, und sämtliche Rechte liegen ungeteilt beim Autor.
Kapitel 5 aus Band 1. Der Moment, in dem alles beginnt.
Diese Leseprobe zeigt den Originaltext auf Deutsch. Eine Übersetzung stellen wir Verlagen auf Anfrage bereit.
Kapitel 5
Er dachte an Bruschetta. An Tomaten, an Knoblauch, den man mit der Messerfläche andrückte, bis er aufbrach. An Luise, die die Tomatenhaut mit den Fingerspitzen abziehen würde, geduldig, weil sie fand, dass man Tomatenhaut nicht zerreißen, sondern lösen musste. An Jeanette, die weniger Knoblauch sagen würde, und er würde mehr nehmen, und sie würde es sehen und nichts sagen.
Er ging den Ku’damm hinunter, auf der Westseite, im Schatten der Platanen. Alte Bäume, die Stämme mit der abblätternden Rinde in Fetzen von Grau, Braun und Weiß. Die Platanen am Ku’damm waren über hundert Jahre alt, manche hatten den Krieg überstanden, und in einigen steckten noch Splitter im Holz, rostbraune Metallstücke, eingewachsen in die Jahresringe, die erst zum Vorschein kamen, wenn ein Sturm einen Ast abbrach. Ein Baum spuckt nichts wieder aus. Er wächst darum herum und behält es.
Ralf dachte an nichts Besonderes.
Dann hörte er den Schlag.
Es war kein lauter Schlag, eher das Geräusch, das entsteht, wenn etwas Weiches zu schnell auf etwas Hartes trifft, dumpf und kurz. Eine Zehntelsekunde danach das Knacken von brechendem Plastik.
Ralf drehte sich um.
Zwanzig Meter, Kurfürstendamm Ecke Uhlandstraße. Ein E-Roller lag auf der Seite, das Hinterrad drehte sich noch und der Motor surrte ins Leere, weil kein Boden mehr darunter war. Daneben ein Mann Mitte zwanzig mit Helm, der gerade begriff, was er getan hatte. Seine Hände öffneten und schlossen sich, als suchten sie etwas.
Auf dem Asphalt lag ein Kind.
Ralf rannte.
Seine Beine liefen los, bevor er es beschlossen hatte, zwischen zwei geparkten Autos hindurch auf die Straße. Ein Taxi hupte. Er hörte es kaum. Er hörte den hohen, dünnen Schrei, der jetzt kam, nicht vom Kind, sondern von einer Frau dahinter, die sich beide Hände ins Haar krallte.
Dunkle Locken. Ein grüner Pullover, zu groß. Grasflecken auf den Turnschuhen, die nicht von heute waren.
Ralf kannte den Jungen. Samstag, an der Ampel, das halbe Winken, dieselben Locken über dem linken Auge, die der Junge nicht wegstrich, weil sie hingehörten, wo sie waren.
Ralf ging auf die Knie, härter, als er wollte. Ein heißer Schmerz schoss durch die rechte Kniescheibe, wo sie auf den Asphalt schlug.
Das rechte Bein des Jungen lag falsch. Eine Handbreit über dem Knie knickte es in einem Winkel ab, den es nicht geben durfte. Der Femur, der stärkste Knochen im Körper, den man mit bloßen Händen nicht bricht, den aber ein Roller mit fünfundzwanzig Sachen bricht, weil die Physik keine Rücksicht auf Kinderknochen nimmt. Wo der Stoff gerissen war, kam etwas Weißes heraus, klein, gezackt, glänzend wie nasses Porzellan. Der Knochen, nach außen gedreht.
Die Mutter schrie, und aus dem dünnen Schrei von vorhin war der einer Frau geworden, die das Bein ihres Kindes sah und in diesem Moment alles verlor, was zwischen ihr und dem Wahnsinn stand.
„Fassen Sie mein Kind nicht an!“
Ralf hörte sie, aber wie durch Wasser, weit weg und verzerrt.
„Fassen Sie ihn nicht an! Wer sind Sie? Gehen Sie weg!“
Eine Hand krallte sich in seine Schulter, die Mutter, sie zerrte an seiner Jacke. Ralf schwankte, aber die Knie blieben auf dem Asphalt und die Hände auf dem Bein des Jungen.
Er hatte es nicht beschlossen. Sein Kopf sagte, nicht anfassen, du bist kein Arzt, ruf den Krankenwagen, was machst du da, Arius, hör auf. Seine Hände waren schon dort, auf dem warmen, nassen Stoff, im Blut, das dunkel aus dem Riss quoll, venös, nicht arteriell, und irgendein Rest von ihm, der noch nüchtern war, registrierte diesen Unterschied und war froh darüber, weil arteriell schlimmer gewesen wäre.
„Hey“, sagte er, und seine Stimme kam aus einer Gegend seiner Kehle, die er nicht kannte. „Hey. Ich bin Ralf. Ich bin da.“
Der Junge sah ihn an. Ihre Blicke trafen sich, und der Junge hörte auf, seinen Körper abzutasten. Er sah Ralf an, als kenne er ihn. Von der Ampel. Vom Samstag.
Dann kam der Schrei. Volle Stimme, volle Lunge, volle acht Jahre.
Dann zerbrach die Welt.
Nicht die draußen, nicht der Ku’damm mit den Gaffern, die ihre Handys hochrissen und filmten und die Straße in eine Bühne verwandelten, auf der ein Mann neben einem Kind kniete und eine Mutter schrie und niemand half. Ralfs Welt zerbrach, die innere, sichere, in der ein Spielzeughändler morgens den Laden aufsperrte und abends zusperrte und dazwischen nichts Unmögliches geschah.
Unter dem zerrissenen Hosenbein entfaltete sich etwas.
Farbe.
Zwei Farben, Rot und Gelb, ineinander, nicht gemischt, nebeneinander, wie in einem Regenbogen, der zu eng geraten war. Das Rot-Gelb lag einen halben Zentimeter über der Haut und bewegte sich, so wie die Luft über heißem Asphalt flimmert. Durch das Rot-Gelb zogen sich schwarze Streifen, dünn und zitternd, dort, wo der Knochen heraustrat, und sie pulsierten in einem eigenen, langsameren Takt, als gehorchten sie etwas, das tiefer lag als ein Herzschlag.
Ralf schmeckte Kupfer.
Auf der Zunge, am Gaumen, im Rachen, scharf und metallisch, so wirklich, dass sich sein Speichel veränderte. Die Farbe hatte einen Geschmack. Die Farbe hatte einen verdammten Geschmack.
Sein Magen kippte, seine Hände zitterten, kalter Schweiß lief ihm den Rücken hinunter, obwohl die Sonne schien. Ein Schlaganfall, dachte er, ich bekomme einen Schlaganfall, mitten auf der Straße, achtunddreißig, zwei Kinder, eine Frau. Er schloss die Augen. Dunkel. Eine Sekunde, zwei. Er riss sie wieder auf.
Die Farben waren noch da, lauter, dichter. Über dem Kopf des Jungen lag etwas Goldenes, warm und breit, als hätte man ihm ein Kissen unter den Kopf geschoben, das es nicht gab. Es roch nach der warmen Haut eines schlafenden Kindes, und wo das Kupfer nicht ganz hinkam, schmeckte es süß, wie Honig, der sich weigert, übertönt zu werden.
Zwischen dem Gold um den Kopf des Jungen und der Mutter dahinter lief ein Faden, dünn und silbern, gespannt von einem Kopf zum anderen wie ein Haar zwischen zwei Fingern. Der Faden schmeckte nach Salz. Nach Tränen, die noch nicht geweint waren.
„Gehen Sie WEG!“
Die Mutter packte Ralfs Arm mit beiden Händen und zerrte, ihre Nägel schnitten durch den Jackenstoff in die Haut. Ein Mann im Anzug, der stehen geblieben war, trat näher, groß, breit in den Schultern.
„Hey! Lassen Sie das Kind los!“
Er griff nach Ralfs Kragen, die Faust schloss sich um den Stoff und zog, und Ralfs Kopf ruckte zurück. Er sah den Mann von unten, dahinter den Himmel, die Platane, drei Nebelkrähen auf einem Ast, die herunterschauten und nicht riefen.
„Ich helfe ihm“, sagte Ralf, und die Worte kamen wie aus einer Leitung, die zu dünn war. „Bitte. Lassen Sie mich.“
Der Mann zog fester. Dann sah er das Bein. Die Farben konnte er nicht sehen, aber er sah den Knochen, und er sah, wie der Knochen sich bewegte, langsam, unmöglich langsam, zurück in den Schaft.
Seine Faust öffnete sich. Er trat einen Schritt zurück, dann noch einen.
„Was zum…“, sagte er und sprach den Satz nicht zu Ende. Er stand da, die Arme hängend, die Finger gespreizt, wie nach dem Griff an etwas Glühendes.
Etwas schob sich in Ralf hinein.
Fremder Schmerz, der durch seine Fingerspitzen eintrat, den Arm hochschoss und in seinem Brustkorb ankam. Tims Schmerz. Jede gerissene Faser im Oberschenkel. Der Bruch, an zwei Stellen, eine glatt, eine zersplittert, die Splitter wie kleine Zähne im Muskel. Die Haut, von innen aufgerissen.
Ein Schrei stieg in Ralfs Kehle. Er biss die Zähne zusammen, und der Schrei blieb stecken, hoch und dünn, als säße eine fremde Stimme in seinem Mund. Seine Rippen brannten, sein Kopf füllte sich mit weißem Rauschen. Schlaganfall. Aneurysma. Tumor. Die Wörter kamen einzeln, wie Steine, die man gegen eine Tür wirft, hinter der keiner aufmacht.
Und dann, ohne dass er etwas tat, ohne dass er es dachte, veränderte sich die Farbe.
Die schwarzen Streifen zuckten, wie ein Tier, das merkt, dass es beobachtet wird. Sie zogen sich zusammen, langsam, wie Tinte, die jemand aus dem Papier zurücksaugt, und wo sie sich zurückzogen, blieb ein Raum, eine Leere, die nach nichts roch und nach nichts schmeckte, und diese Leere machte Ralf mehr Angst als die schwarzen Streifen selbst.
Das Rot-Gelb wurde blasser, Schicht um Schicht, wie Lack, den jemand von einer Wand kratzt. Darunter kam ein zartes, blassblaues Leuchten hervor, sauber und neu, wie eine Wand, die eben gestrichen wurde und noch nach Farbe riecht. Es schmeckte nach Salz, nach Meer bei Nacht, das anders schmeckt als bei Tag, und Ralf hatte das zuletzt in Warnemünde geschmeckt, mit Jeanette, vor drei Jahren, und dass ihm ausgerechnet jetzt Warnemünde einfiel, erschreckte ihn fast so sehr wie alles andere.
Das Blassblau legte sich unter seine Hände, kühl, nicht kalt, dorthin, wo der Knochen eben noch draußen gewesen war, und es arbeitete, in einem Tempo, das Knochen sich sonst nicht erlauben.
Der Knochen ging zurück. Unter Ralfs Fingern ein leises, mahlendes Knirschen, als fänden zwei Bruchstücke wieder zusammen, nicht weil man sie klebte, sondern weil sie sich erinnerten, wo sie hingehörten.
Tim hörte auf zu zittern. Sein Bein lag richtig.
Stille, eine halbe Sekunde.
Die Mutter hatte aufgehört zu schreien. Sie kniete jetzt neben Ralf, die Hände auf dem Asphalt, und starrte auf das Bein ihres Sohnes. Wo vor anderthalb Minuten ein Stück Knochen herausgestanden hatte, weiß und gezackt, war jetzt Haut. Keine Narbe, keine Naht, Haut, rosa und sauber und neu. Ihr Mund stand offen. Sie weinte lautlos, den Ton wie abgedreht.
Hinter Ralf standen sieben Menschen. Drei hielten Handys in der Hand. Eine Frau hatte ihres sinken lassen. Ein Mann, der eben noch gefilmt hatte, hielt das Telefon jetzt so, dass es auf den Boden zeigte, den Daumen reglos auf dem Bildschirm.
Dann kam der Druck.
Hinter den Ohren, in den Zähnen, in den Handknochen, in der Brust, in den Augäpfeln, als suche etwas, das zu viel war und nicht in seinen Körper passte, einen Ausweg. Der Druck stieg und stieg.
Ein Schlag.
Er kam aus der Tiefe, unter jedem Gewitter, so tief, dass Ralf ihn nicht mit den Ohren hörte, sondern in den Rippen, in der Brust, hinter den Augen.
Die Scheiben des Cafés gegenüber vibrierten, einen halben Wimpernschlag lang. Die Kaffeetassen auf den Tischen tanzten einen Millimeter auf ihren Untertassen. Ein Espresso schwappte über, und die Frau davor sah ihre Tasse an, als hätte sie etwas gesagt. Ein alter, grauer Dackel an der Laterne legte sich flach auf den Boden und winselte, und seine Besitzerin sah erst den Hund an und dann den Himmel, der klar war. Eine Frau auf der anderen Straßenseite duckte sich, so wie Menschen sich ducken, wenn ein Flugzeug zu tief fliegt, und griff nach der Schulter des Mannes neben ihr, und der Mann griff nach dem Laternenpfahl. Sieben Menschen auf dem Bürgersteig zogen gleichzeitig die Köpfe ein, ohne dass ein Geräusch sie dazu gebracht hätte, etwas unterhalb des Hörbaren, das der Körper früher aufnimmt als das Ohr. Ein Mann ließ seine Einkaufstüte fallen, Orangen rollten über den Asphalt, und keiner hob sie auf.
Eine Nebelkrähe in der Platane öffnete die Flügel und flog nicht weg, sondern höher, als wolle sie von oben sehen, was unten geschehen war.
Eine Frau hinter Ralf sagte leise, zu niemandem: „Das gibt’s doch nicht“
Ralf riss die Hände weg.
Kälte strömte ein, wo eben Wärme gewesen war. Seine Finger zitterten, von den Sehnen aus, tiefer als die Hand, aus einer Stelle im Arm, die er nie gespürt hatte. Er versuchte aufzustehen, die Beine gaben nach, er kippte zur Seite, stieß gegen einen Fahrradständer und robbte weiter, bis sein Rücken an einer Hauswand hing.
Er übergab sich. Galle, scharf, zwischen die eigenen Schuhe. Kupfer und Galle zugleich, und der Kupfergeschmack blieb, auch als die Galle weg war. Seine Nase blutete, warm über die Lippe, aufs Kinn, in den Mund, wo es sich mit dem Kupfergeschmack mischte.
Die Mutter hatte das Hosenbein hochgeschoben und sah den Oberschenkel. Blut, verschmierte Haut, aber die Haut war geschlossen. Sie sah auf das Bein, dann auf Ralf, dann wieder auf das Bein, und brachte keinen Ton heraus.
Tim setzte sich auf. Er sah sein Bein an, seine Mutter, dann Ralf.
„Der Mann hat mich festgehalten“, sagte er leise zu seiner Mutter. „Der hat mich festgehalten, und dann hat es aufgehört wehzutun.“
Die Mutter drückte Tim an sich, ihr Gesicht in seinen Haaren, die Schultern bebten, sie sagte nichts.
Der Mann im Anzug stand drei Meter entfernt, die Hände hängend, und sah auf die Stelle am Asphalt, wo der Knochen gewesen war und jetzt nur Blut lag. Er sah Ralf an, wollte etwas sagen, fand nichts, drehte sich um und ging schnell, ohne sich umzusehen.
Eine Sirene, fern, näher.
Er musste weg.
Er schob sich an der Wand hoch, die Knie zitterten, und ging, nicht gerade, nicht schnell, aber er ging.
Hinter ihm die Mutter.
„Warten Sie!“
Er ging weiter.
„Bitte! Warten Sie! Sein Bein, was haben Sie… bitte bleiben Sie stehen!“
Ihre Stimme war nicht mehr der Schrei von vorhin. Sie war zerrissen zwischen Angst und etwas, das keine Worte hatte, die Stimme einer Frau, die eben noch gerufen hatte, fassen Sie mein Kind nicht an, und die jetzt dem Mann nachlief, der ihr Kind angefasst hatte, weil das Bein heil war und sie es nicht verstand und der Einzige, der es ihr erklären konnte, gerade fortging.
„Bitte! Ihr Name! Sagen Sie mir Ihren Namen!“
Ralf bog in die Uhlandstraße, ohne sich umzudrehen. Hinter ihm ihre Schritte auf dem Pflaster, schnell, dann langsamer, dann still. Er hörte sie stehen bleiben, hörte sie atmen, hörte, zwanzig Meter zurück, wie sie etwas sagte, leise, zu sich selbst oder zu Tim oder zum Gehweg. Er verstand es nicht genau. Es klang wie Danke.
Die U-Bahn-Treppe. Nasse Stufen. Der Geruch der Berliner U-Bahn traf ihn wie eine Faust, Beton und Urin und Bremsstaub und der metallische Atem der Schienen, die seit 1913 unter dem Ku’damm lagen. Er wischte sich im Gehen das Blut mit dem Ärmel von der Nase und sah es auf seinem Handrücken.
Er setzte sich in einen Zug. Er fuhr.
In der Scheibe sein Spiegelbild, bleich, Blut am Kinn, die Augen eines Mannes, der sich selbst nicht kannte.
Auf dem Sitz gegenüber ein Mann mit Zeitung. Um seinen Kopf lag etwas, schwach, blass, kaum da, aber da, ein Hauch, als stünde der Kopf einen halben Zentimeter weiter vorn, als er wirklich stand. Ralf sah weg. Bei der Frau mit der Sporttasche dasselbe. Beim Jugendlichen mit den Kopfhörern dasselbe. Bei jedem. Mal heller, mal dunkler. Bei der alten Frau am Ende des Wagens silbrig und sehr dünn. Um das Kleinkind auf dem Schoß seines Vaters war es dichter, als brauche es mehr Platz, als wolle es sagen, hier ist jemand, hier ist etwas, das man schützen muss.
Keiner sah ihn an. In Berliner U-Bahnen sieht man keinen an, und das war das Gnädigste, was diese Stadt ihm je gegeben hatte.
Er stieg zweimal falsch um. Dann fuhr er nach Zehlendorf.
Er stand vor dem Haus. In der Küche brannte Licht, Jeanettes Schatten am Fenster, daneben ein kleinerer, Luise.
Fünf Minuten stand er auf der Straße. In der Kastanie vor dem Haus sang eine Amsel.
Er zog die Jacke aus, auf der Treppe vor der Wohnungstür, und faltete sie so, dass der Blutfleck am Ärmel nach innen zeigte. Am Saum ein zweiter Fleck, klein und grün, ein Grashalm, der sich im Stoff verfangen hatte, von Tims Hose, von den Grasflecken auf den Turnschuhen. Er nahm den Halm heraus und legte ihn in die Innentasche, zu dem Umschlag.
Er hörte Max lachen. Er hörte Luise etwas sagen. Er hörte Jeanette: „Hände waschen.“
Er holte Luft, zog die Schultern zurecht und trat ein.
„Papa?“, rief Luise aus dem Wohnzimmer.
„Ich bin’s.“
Seine Stimme hielt.
Luise kam in den Flur, einen blauen Stift in der Hand. Sie sah ihn an, lange, mit ihren bernsteinbraunen Augen und den goldenen Splittern darin.
Sie sagte nichts. Sie ging zu ihm, ruhig, wie man zu jemandem geht, den man erwartet hat, legte die Arme um seine Hüfte und drückte das Gesicht in seinen Bauch. Sie blieb da.
Dann, leise, in seinen Pullover hinein: „Ich weiß.“
Zwei Worte, und sie fielen nicht auf ihn, sondern in ihn.
Ralf legte die Hand auf ihren Kopf, das weizenblonde Haar, den Geruch, den er kannte, seit er sie das erste Mal gehalten hatte. Und über ihrem Kopf war es da, golden, dichter und realer als alles, was er heute gesehen hatte, dichter als das Kupfer, die schwarzen Streifen, das Blassblau über Tims Bein. Er konnte es nicht benennen. Er hatte es sein Leben lang gekannt, ohne zu merken, dass es einen Namen brauchte. Es war seit zehn Jahren da, seit sie auf der Welt war, und er sah es zum ersten Mal.
Jeanette kam in den Flur und blieb in der Küchentür stehen. Sie sah ihren Mann und ihre Tochter, die gefaltete Jacke auf dem Boden, das getrocknete Blut am Nasenflügel.
Sie sagte nichts.
Sie ging zurück in die Küche und ließ die Tür einen Spalt offen, eine Handbreit, damit etwas zwischen den Räumen bleiben konnte.
Ralf hielt Luise.
Draußen, auf dem Ku’damm, dreißig Minuten entfernt, stand ein E-Roller neben einem Polizeiauto. Der Junge, der auf dem Asphalt gelegen hatte, war aufgestanden und gegangen. In der Platane saßen drei Nebelkrähen, und unter ihnen lag auf dem Bürgersteig ein kleiner Fleck aus Galle und Blut, den in einer Stunde der Regen wegwaschen würde.
In derselben Platane steckte ein Granatsplitter von 1944, eingewachsen in die Jahresringe, seit achtzig Jahren kalt.
Für den Bruchteil einer Sekunde, als der Donner kam, war er warm gewesen.
Ende der Leseprobe
Band 1 umfasst 50 Kapitel und rund 131.000 Wörter.
Das vollständige Manuskript geht Verlagen auf Anfrage zu.
© Marcel Tobien. Unveröffentlichtes Manuskript. Die Wiedergabe dieses Auszugs ist ohne schriftliche Zustimmung des Autors nicht gestattet.
Band 1 liegt aktuell mehreren Verlagen vor. Die Reihe ist damit nicht vergeben: Sämtliche Rechte, einschliesslich Druck, E-Book, Hörbuch und Übersetzung, liegen weiterhin beim Autor.
Lektorinnen und Lektoren erhalten das vollständige Exposé, die Reihenübersicht über alle sechs Bände und Band 1 als Manuskript, ohne Umwege und ohne Agentur dazwischen.