Der Nebel hing tief über dem Vierwaldstättersee an jenem Oktobermorgen. So tief, dass selbst der Pilatus verschwunden war – jener Berg, von dem die Legenden erzählen, Pontius Pilatus selbst habe dort sein Ende gefunden. Ich saß auf meiner Terrasse, die Hände um eine dampfende Tasse Tee gelegt, und starrte ins Nichts.
Und dann, wie aus dem Nebel selbst geboren, kam sie: Die Idee, die alles verändern sollte.
Ein Name aus der Vergangenheit
Ralf Arius. Der Name kam nicht aus dem Nichts. Er kam aus meiner Kindheit, aus vergilbten Manuskriptseiten, aus der Erinnerung an meinen Vater.
W. J. Tobien war Schriftsteller. Er schrieb Kurzgeschichten, und sein Held hieß Ralf Arius. Als Kind saß ich oft neben ihm, während seine Schreibmaschine klapperte, und lauschte den Abenteuern dieses Mannes, der für mich so real war wie jeder Nachbar, jeder Freund. Ralf Arius war mutig und gütig, ein Held ohne Umhang, einer von uns.
Mein Vater ist nicht mehr da. Aber an jenem nebligen Morgen am See wurde mir klar: Ralf Arius musste zurückkehren. Nicht als Kopie, nicht als Hommage – als Weiterführung. Als Brücke zwischen den Generationen. Als Ehre für einen Mann, der mir das Schreiben in die Wiege legte.
Ein Spielzeugladen in Berlin
Mein Ralf Arius ist anders als der meines Vaters – und doch trägt er seinen Geist in sich. Ein Mann Mitte dreißig. Straßenköterblondes Haar, ein gewinnendes Lächeln mit leichten Lachfalten. Ein Spielzeugladenbesitzer in Berlin-Zehlendorf, der sein ruhiges Leben liebt – die frühen Morgenstunden, wenn er die Holzeisenbahnen abstaubt, die Freude in den Augen der Kinder, das Klingeln der Ladenglocke.
Doch was wäre, wenn sich hinter dieser Normalität etwas Ungeheuerliches verbärge? Was, wenn dieser durchschnittliche Mann eine Gabe besäße, die alles infrage stellt – nicht nur sein eigenes Weltbild, sondern die Grundfesten dessen, was wir für möglich halten?
Die Fähigkeit zu heilen. Nicht mit Medizin. Nicht mit Wissen. Einfach durch Berührung.
Die Fragen, die nicht schlafen ließen
In jener Nacht fand ich keinen Schlaf. Frage um Frage wirbelte durch meinen Kopf wie Herbstlaub im Wind:
Wie würde ein einfacher Mann mit solch einer Last umgehen? Wen würde er heilen – und wen nicht? Welche Mächte würden von seiner Gabe angezogen werden wie Motten vom Licht? Und was würde geschehen, wenn die größte Bedrohung nicht von gierigen Menschen käme, sondern von einer Intelligenz, die nicht einmal menschlich ist?
Ich begann zu schreiben. Zunächst nur Fetzen – Charakterskizzen auf Servietten, Dialogfragmente in der Notiz-App meines Handys, halbe Szenen auf der Rückseite von Einkaufszetteln. Ralf nahm Gestalt an, und mit ihm seine Familie: seine Frau Jeanette, die mehr weiß, als sie sagt. Seine Kinder Max und Luise, jedes mit eigenen Geheimnissen. Und im Hintergrund, noch verschwommen, die Schatten jener, die Ralf jagen würden.
Aus einer Geschichte werden sechs
Der erste Entwurf umfasste 400 Seiten. Zu viel für einen Roman, zu wenig für die Geschichte, die erzählt werden wollte. Je tiefer ich in Ralfs Welt eintauchte, desto weiter dehnte sie sich aus – wie ein Universum, das sich mit jeder Beobachtung vergrößert.
Da waren exotische Schauplätze, die ich noch nicht verraten will. Tropische Urwälder, wo uralte Weisheit auf moderne Wissenschaft trifft. Verborgene Komplexe in den Bergen. Und immer wieder: Berlin, diese Stadt voller Narben und Neuanfänge, die perfekte Kulisse für einen Mann, dessen Leben nie mehr so sein wird wie zuvor.
Sechs Bände. Sechs Kapitel einer Saga, die von Berlin bis an die Enden der Welt führt. Sechs Stufen einer Reise, an deren Ende die Frage steht, was es bedeutet, menschlich zu sein – in einer Welt, die sich schneller verändert, als wir begreifen können.
Die Schweiz als stiller Begleiter
Ich schreibe diese Zeilen in meinem Arbeitszimmer, den Blick auf die Berge gerichtet. Der Vierwaldstättersee liegt unter mir, heute glasklar, nicht wie an jenem nebligen Morgen vor Jahren. Doch die Stimmung ist geblieben – jene Mischung aus Stille und Erwartung, die jeder Schriftsteller kennt.
Die Schweizer Alpen haben die Farben-Reihe geprägt, mehr als ich zunächst ahnte. Die Erhabenheit der Natur, die uns daran erinnert, wie klein wir sind. Die Stille, die Raum schafft für die leisen Töne einer Geschichte. Und die Schatten, die auch der hellste Sonnentag in den Tälern wirft – ein ständiges Memento, dass Licht und Dunkelheit untrennbar verbunden sind.
Eine Einladung
„Das Erwachen", der erste Band, liegt nun vor. Die Geschichte von Ralf Arius wartet darauf, gelesen zu werden. Es ist eine Geschichte über Macht und Ohnmacht, über Familie und Verrat, über die Frage, ob wir die sind, für die wir uns halten – oder ob unter der Oberfläche etwas ganz anderes schlummert.
Ich lade Sie ein, mir in diese Welt zu folgen. Nehmen Sie sich Zeit. Lassen Sie sich treiben. Und wenn Sie am Ende des ersten Bandes angelangt sind – wenn die letzte Seite umgeblättert ist und die Fragen nicht weniger, sondern mehr geworden sind – dann wissen Sie: Die Reise hat gerade erst begonnen.
Der Nebel lichtet sich. Doch was darunter liegt, ist größer und dunkler und wundervoller, als wir es uns je hätten träumen lassen.
