Es war eine ganz gewöhnliche Autofahrt zur Schule. Etienne, mein Älterer, saß hinten und starrte aus dem Fenster. Plötzlich fragte er: »Papa, warum stellen Erwachsene eigentlich keine Fragen mehr?«
Ich weiß nicht mehr, was ich geantwortet habe. Wahrscheinlich etwas Ausweichendes. Aber die Frage blieb hängen wie ein Splitter unter der Haut – unsichtbar, aber spürbar bei jeder Bewegung.
In den folgenden Wochen beobachtete ich mich selbst. Wann hatte ich zuletzt eine echte Frage gestellt? Nicht »Wie war dein Tag?« oder »Was möchtest du zum Abendessen?« – sondern eine Frage, die keine Antwort erwartete. Eine Frage aus reiner Neugier. Eine Frage, die mir Angst machte.
Die Fragen meiner Söhne
Joel, der Jüngere, fragt ständig. Warum ist der Himmel blau? Warum müssen Menschen sterben? Warum kann ich nicht fliegen? Warum hast du manchmal traurige Augen, Papa?
Diese letzte Frage stellte er mir eines Abends beim Zubettgehen. Ich hatte einen schwierigen Tag gehabt – nichts Dramatisches, nur diese leise Erschöpfung, die sich manchmal einschleicht. Ich dachte, ich hätte es gut verborgen. Aber Kinder sehen alles. Sie haben noch nicht gelernt, wegzuschauen.
In jener Nacht lag ich wach und dachte darüber nach, wann ich aufgehört hatte, solche Fragen zu stellen. Wann war aus dem fragenden Kind der antwortende Erwachsene geworden? Und – erschreckender noch – war das unvermeidlich? Würden auch Etienne und Joel eines Tages aufhören zu fragen?
Wendheim entsteht
Die Idee kam nicht als Blitz, sondern als leises Flüstern: Was, wenn es einen Ort gäbe, an dem dieser Verlust nicht schleichend, sondern abrupt geschieht? Einen Ort, an dem Erwachsene mit dreißig Jahren buchstäblich aufhören zu fragen – als würde ein Schalter umgelegt?
Ich nannte diesen Ort Wendheim. Ein Dorf, das sich wendet. Ein Dorf am Wendepunkt. Ein Dorf, das gewendet werden muss.
Und ich brauchte ein Mädchen, das mutig genug war, Fragen zu stellen, die niemand stellen wollte. Ein Mädchen mit einem Kopf voller »Warums« und »Was-wäre-wenns«. Leni Sternberg wurde geboren – zwölf Jahre alt, mit wilden Locken und noch wilderen Gedanken.
Die schwierigste Frage
Beim Schreiben merkte ich, dass dieses Buch mich zwang, Fragen an mich selbst zu stellen, die ich lange vermieden hatte. Die zentrale Frage des Buches – »Bin ich genug?« – ist nicht nur Lenis Frage. Es ist die Frage, die wir alle irgendwann zu stellen aufhören, weil wir Angst vor der Antwort haben.
Meine Söhne haben mir geholfen, diese Angst zu überwinden. Nicht durch kluge Ratschläge, sondern einfach dadurch, dass sie da waren. Dass sie mich liebten, ohne zu fragen, ob ich es verdiene. Dass sie jeden Morgen mit neuen Fragen aufwachten und mich damit ansteckten.
Dieses Buch ist für sie. Für Etienne und Joel. Und für alle Kinder, die niemals aufhören sollten zu fragen. Und für alle Erwachsenen, die es vielleicht wieder lernen können.
Ein Buch für Fragende jeden Alters
»Das Dorf der letzten Fragen« ist ein Kinderbuch – aber es ist auch ein Buch für die Eltern, die es vorlesen. Für die Großeltern, die sich an ihre eigenen Kindheitsfragen erinnern. Für jeden, der sich manchmal fragt, ob er noch der Mensch ist, der er sein wollte.
Die Geschichte handelt von Mut und Freundschaft, von dunkler Magie und hellen Hoffnungen. Aber im Kern handelt sie von einer einzigen, zeitlosen Wahrheit: Fragen sind keine Schwäche. Fragen sind eine Superkraft.
Und manchmal braucht es ein Kind, um uns daran zu erinnern.
