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Hinter den Kulissen

Leni Sternberg – Porträt einer Fragenden

Ihr Vater nennt sie »Fragenfee«. Ihre Mutter seufzt manchmal leise, wenn Leni beim Abendessen die fünfte Warum-Frage stellt. Ihre Lehrerin hat aufgehört, sie aufzurufen, weil Lenis Fragen den Unterricht »aus dem Rhythmus bringen«.

Leni Sternberg ist zwölf Jahre alt, hat wilde kastanienbraune Locken, die sich nicht bändigen lassen wollen, und Augen, die alles sehen – besonders das, was andere übersehen möchten.

Die Geburt einer Heldin

Leni entstand nicht am Schreibtisch. Sie entstand auf dem Spielplatz, in Schulkorridoren, bei Familienessen. Sie ist ein Mosaik aus allen Kindern, die ich je beobachtet habe: jenen, die unbequeme Fragen stellen und dafür schief angeschaut werden. Jenen, die spüren, dass etwas nicht stimmt, auch wenn alle Erwachsenen behaupten, alles sei in Ordnung.

Ich wollte eine Heldin schreiben, die keine Superkräfte braucht, jedenfalls keine im klassischen Sinne. Lenis Superkraft ist ihre Neugier. Ihre Weigerung, sich mit »Das ist halt so« zufriedenzugeben. Ihr Mut, Fragen zu stellen, die niemand hören will.

Das Mädchen mit dem Notizbuch

Leni führt ein Notizbuch. Nicht für Hausaufgaben oder Tagebucheinträge, sondern für Fragen. Fragen, die ihr einfallen. Fragen, die sie gehört hat. Fragen, die sie sich nicht traut laut zu stellen.

Auf der ersten Seite steht, in ihrer krakeligen Kinderschrift: »Fragen, die Erwachsene nicht beantworten können (oder wollen).« Die Liste ist lang. Sie wird jeden Tag länger.

Diese Eigenschaft gab ich ihr, weil ich selbst als Kind ein solches Notizbuch hatte. Es hieß »Geheimnisse der Welt« und war voller Fragen, die mich nachts wachhielten. Ich habe es irgendwann verloren – oder vielleicht habe ich aufgehört, es zu führen. Ich weiß nicht mehr, was zuerst kam.

Angst und Mut

Leni ist keine furchtlose Heldin. Sie hat Angst – oft sogar. Angst, dass ihr Vater sie nicht mehr erkennen wird, wenn er wunderblind wird. Angst, dass sie selbst eines Tages aufhören wird zu fragen. Angst vor dem, was sie im Turm der letzten Fragen finden wird.

Aber sie geht trotzdem. Das ist es, was Helden ausmacht – nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Entscheidung, trotzdem weiterzugehen.

Ich wollte, dass Kinder, die dieses Buch lesen, verstehen: Es ist in Ordnung, Angst zu haben. Es ist sogar klug, Angst zu haben. Aber lass die Angst nicht entscheiden, wohin du gehst.

Die Frage, vor der sie am meisten Angst hat

Im Herzen der Geschichte steht eine Truhe, die sich nur für eine einzige Frage öffnet – die Frage, vor der man am meisten Angst hat. Für Leni ist diese Frage gleichzeitig die einfachste und die schwierigste der Welt.

Welche Frage das ist? Das verrate ich nicht. Das muss jeder Leser selbst entdecken. Aber ich kann so viel sagen: Es ist eine Frage, die wir alle kennen. Eine Frage, die wir irgendwann aufhören zu stellen – nicht weil wir die Antwort gefunden haben, sondern weil wir Angst haben, sie könnte uns nicht gefallen.

Leni stellt diese Frage. Und was sie entdeckt, verändert nicht nur Wendheim, sondern auch sie selbst.

Für alle Lenis dieser Welt

Ich habe dieses Buch für die Kinder geschrieben, die zu viel fragen. Die unbequem sind. Die nicht in die vorgesehenen Schubladen passen. Die nachts wachliegen und sich wundern, während alle anderen schlafen.

Ihr seid keine Last. Eure Fragen sind keine Störung. Ihr seid genau richtig, so wie ihr seid.

Und für die Erwachsenen, die diese Zeilen lesen: Vielleicht gibt es in Ihnen noch ein fragendes Kind, das Sie zum Schweigen gebracht haben. Vielleicht ist es Zeit, ihm wieder zuzuhören.