In Wendheim gibt es ein Wort, das Kinder nur flüstern: wunderblind. Es beschreibt den Zustand der Erwachsenen nach ihrem dreißigsten Geburtstag – wenn sie aufhören zu fragen, aufhören zu staunen, aufhören, die Welt mit offenen Augen zu sehen.
Dieses Wort erfand ich nicht am Schreibtisch. Es kam mir während eines Spaziergangs, als ich beobachtete, wie Kinder im Park spielten und ihre Eltern danebensaßen, auf Smartphones starrend, die Wunder um sie herum nicht sehend.
Die drei Stufen des Vergessens
In meinem Buch verläuft das Wunderblindwerden in drei Stufen, und jede davon habe ich in der realen Welt beobachtet:
Zuerst verschwinden die großen Fragen. »Wozu sind wir hier?« »Was bedeutet das alles?« »Gibt es etwas Größeres als uns?« – Fragen, die wir als Kinder ständig stellten und die irgendwann verstummen.
Dann die mittleren Fragen. »Warum regnet es?« »Wie funktioniert das Licht?« »Wohin fliegen die Vögel im Winter?« – Fragen, die Erwachsene mit einem müden »Google es doch« beantworten.
Zuletzt die kleinen Fragen. »Liebst du mich noch?« »Bist du glücklich?« »Habe ich das Richtige getan?« – Die intimsten Fragen, die wir aufhören zu stellen.
Ein Fluch, der keiner ist
In Wendheim glauben alle, das Wunderblindwerden sei ein Naturgesetz. So war es schon immer. Erst Leni entdeckt die Wahrheit: Es ist ein Fluch. Ein Fluch, der gebrochen werden kann.
Ich wollte damit etwas aussagen: Das Verstummen unserer Neugier ist kein unvermeidlicher Teil des Erwachsenwerdens. Es ist eine Entscheidung. Und Entscheidungen können rückgängig gemacht werden.
Die Inspiration: Ein Gedankenexperiment
Was wäre, wenn wir das Verstummen der Kindheitsfragen sichtbar machen könnten? Was wäre, wenn der schleichende Verlust des Staunens ein dramatisches Ereignis wäre?
Dieses Gedankenexperiment führte mich nach Wendheim. Zu einem Dorf, in dem Kinder zählen, wie viele Tage ihre Eltern noch haben.
Es ist eine düstere Prämisse für ein Kinderbuch. Aber Kinder können mit Düsternis umgehen – wenn am Ende Hoffnung steht. Und die steht da.
Die Rückkehr der Fragen
Ohne zu viel zu verraten: Lenis Reise endet nicht in Dunkelheit. Die Fragen können zurückkehren. Aber es braucht Mut und jemanden, der bereit ist, die eine Frage zu stellen.
Ich hoffe, dass dieses Buch Kindern zeigt: Eure Fragen sind wertvoll. Hört niemals auf zu fragen.
Und ich hoffe, dass es Erwachsenen zeigt: Es ist nicht zu spät. Die Fragen sind noch da, irgendwo in euch.
Eine letzte Frage
Als ich diesen Blogpost schrieb, fragte Joel mich, was ich tue. Ich erklärte es ihm.
»Papa«, sagte er dann, »bist du eigentlich wunderblind?«
Ich dachte lange nach. »Manchmal«, sagte ich schließlich. »Aber du und Etienne – ihr helft mir, es nicht zu sein.«
Er nickte zufrieden und rannte davon. Als ob das ein Kompliment wäre. Vielleicht ist es das auch.
