Marcel TobienSchriftsteller

Marcel Tobien

Mutig sein, obwohl man Angst hat: Abenteuer in Wendheim

Das Dorf der letzten Fragen

Das Dorf der letzten Fragen

Mut sieht nicht immer aus wie ein Kind, das als Erstes durch eine unbekannte Tür läuft. Manchmal sieht er aus wie eine Hand, die den Ärmel eines Freundes festhält. Manchmal wie eine Frage, die man eigentlich nicht stellen möchte. In Das Dorf der letzten Fragen erleben Leni, Mia und Elias ungewöhnliche Dinge. Sie müssen dafür nicht alle gleich tapfer wirken. Gerade ihre unterschiedlichen Reaktionen machen das Abenteuer nachvollziehbar und ihren Zusammenhalt wichtig.

Eine unbekannte Welt darf erst einmal seltsam sein

Unter Wendheim entdecken die Kinder einen Ort, den sie bisher nicht kannten. Dort liegen verlorene Dinge, es gibt ungewöhnliche Wesen und Hinweise, die sie noch nicht verstehen. Eine solche Entdeckung kann gleichzeitig schön und verunsichernd sein. Kinder müssen sich in einer Geschichte nicht sofort für genau ein Gefühl entscheiden. Neugier und Vorsicht können im selben Augenblick vorhanden sein.

Für Leser ist es hilfreich, wenn diese Gefühle sichtbar werden. Jemand bleibt stehen. Jemand fragt nach. Jemand sucht die Nähe eines anderen. Solche Reaktionen machen eine Szene verständlicher als ein allgemeiner Satz darüber, dass alle sehr aufgeregt seien. Man erkennt, wie unterschiedlich die Kinder mit der Situation umgehen. Das erlaubt auch beim Lesen verschiedene Arten, sich mit einer Figur verbunden zu fühlen.

Hilfe anzunehmen gehört dazu

Ein Abenteuer muss nicht beweisen, dass ein Kind alles allein schaffen kann. Gerade das Annehmen von Hilfe kann eine wichtige Entscheidung sein. Wer zugibt, etwas nicht zu verstehen, eröffnet einem anderen die Möglichkeit, beizutragen. Wer eine Hand nimmt, hört nicht auf, selbst zu handeln. Die Handlung wird gemeinsamer, nicht kleiner. Das passt zu einer Geschichte, in der Freundschaft im Mittelpunkt steht.

Dabei dürfen Erwachsene ebenfalls aufmerksam sein. Als Lenis Mutter die Kinder unter dem Dorf findet, fragt sie zuerst, ob jemand verletzt ist. Bevor Erklärungen und Vorwürfe kommen, möchte sie wissen, ob alle heil sind. Dieser kurze Moment verändert die Stimmung. Die Kinder haben etwas gewagt, aber sie existieren nicht in einer Welt, in der sich niemand um ihre Sicherheit oder ihr Ausbleiben kümmert.

Die lauteste Figur ist nicht automatisch die mutigste

Elias zeigt seine Gefühle deutlich. Mia beobachtet und schreibt auf. Leni verfolgt ihre Fragen. Keine dieser Arten muss grundsätzlich besser sein als die anderen. Eine laute Reaktion kann Freude oder Unsicherheit ausdrücken. Eine ruhige Figur kann eine wichtige Grenze setzen. Mut wird deshalb nicht an der Lautstärke gemessen, sondern daran, was eine Entscheidung in der jeweiligen Situation kostet.

Das macht auch Widerspruch interessant. Einem Freund zu sagen, dass man seinen Plan nicht für gut hält, kann schwer sein. Man möchte dazugehören und den anderen nicht enttäuschen. Wenn eine Geschichte diesen Augenblick ernst nimmt, zeigt sie eine Form von Mut, die Kinder aus ihrem eigenen Leben kennen. Dafür braucht es weder einen Kampf noch eine grosse Rede über Tapferkeit.

Mut lässt sich auch an einer kleinen Rückfrage erkennen. Wer zugibt, einen Plan nicht verstanden zu haben, riskiert vielleicht einen ungeduldigen Blick. Trotzdem kann genau diese Frage einen Fehler verhindern. Für junge Leser ist das eine hilfreiche Möglichkeit, Heldentum zu erleben: Nicht immer setzt sich die schnellste oder lauteste Figur durch. Manchmal bringt die ehrliche Unsicherheit die ganze Gruppe weiter.

Das Abenteuer soll Freude machen

Wendheim ist als warmherziger Ort voller magischer Überraschungen erzählt. Die Kinder stehen vor einer Schwierigkeit, aber der Roman soll nicht in Schwere versinken. Humor und die Verlässlichkeit der Freunde gehören zur Spannung. Man darf sich kurz sorgen und dann über einen unerwarteten Einwand lachen. Solche Wechsel geben dem Abenteuer Luft und machen deutlich, weshalb die Kinder ihre ungewöhnliche Welt mögen.

Beim gemeinsamen Lesen kann daraus eine Frage entstehen: Welche Figur hätte in dieser Situation ähnlich reagiert wie du? Sie muss nicht beantwortet werden. Vielleicht genügt das Gefühl, dass auch eine vorsichtige Figur gebraucht wird. Das Dorf der letzten Fragen ist ein Kinderroman ab acht Jahren. Seine Leseprobe lädt dazu ein, Leni und ihre Freunde kennenzulernen, ohne schon mutiger sein zu müssen, als man sich gerade fühlt.

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