Marcel TobienSchriftsteller

Marcel Tobien

Warum Ralfs Familie für FARBEN entscheidend ist

FARBEN: Das Erwachen

FARBEN: Das Erwachen

Ein Mann kann die Welt retten wollen und trotzdem zu Hause eine Antwort schuldig bleiben. Genau diese Spannung macht Familien in fantastischen Geschichten interessant. Ralf Arius beginnt FARBEN als Vater mit einem vertrauten Alltag. Seine Fähigkeit setzt nicht alles andere ausser Kraft. Sie trifft auf Menschen, die ihn schon vor dem Wunder kannten. Für sie ist er nicht zuerst ein aussergewöhnlicher Heiler. Er gehört zu ihrem Leben und trägt dort Verantwortung.

Die Familie ist kein Pausenraum der Handlung

In einem Thriller liegt die Versuchung nahe, das Familienleben nur zwischen zwei Gefahren zu zeigen. Ein kurzer Besuch zu Hause, ein freundliches Gespräch, dann geht die eigentliche Geschichte weiter. Dabei kann gerade dort sichtbar werden, was die Handlung mit einer Figur macht. Wer nach einer bedrohlichen Begegnung anders reagiert als sonst, bringt die Gefahr mit nach Hause, auch wenn niemand hinter der Tür steht.

Das betrifft nicht nur grosse Geständnisse. Ein Mensch hört schlechter zu, beantwortet eine einfache Frage zu scharf oder versucht, seine Müdigkeit zu verbergen. Andere merken, dass etwas nicht stimmt. Sie können nachfragen, sich zurückziehen oder ärgerlich werden. Solche Reaktionen geben einem Abenteuer Gewicht. Die Figur legt ihre Erfahrungen nicht wie einen Mantel ab, sobald sie wieder durch die Wohnungstür tritt.

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

Kinder in einem Roman müssen nicht denselben Überblick besitzen wie der Leser. Sie erleben zunächst, was eine Situation für sie verändert. Jemand ist nicht da. Ein Versprechen wird nicht eingehalten. Ein Erwachsener sagt, alles sei in Ordnung, verhält sich aber anders. Aus dieser begrenzten Sicht können sehr klare Fragen entstehen. Ein Kind muss die ganze Bedrohung nicht erklären können, um ihre Wirkung zu spüren.

Gerade deshalb sollten Kinder nicht nur Stichworte liefern, damit Erwachsene den Hintergrund erläutern können. Sie haben eigene Wünsche und eine eigene Geduld. Eine Antwort, die für den Vater vernünftig klingt, kann für das Kind überhaupt nicht genügen. Diese Differenz macht eine Szene menschlich. In einer Reihe, die später die ganze Welt erreicht, bewahrt sie zudem den Blick auf das einzelne Leben, um das es eigentlich geht.

Schutz kann zum schwierigen Versprechen werden

Ralf möchte seine Familie schützen. Das klingt zunächst eindeutig. Schwierig wird es bei der Frage, wie viel er erzählen soll und welche Entscheidungen er allein treffen darf. Jemandem eine Sorge ersparen zu wollen kann verständlich sein. Trotzdem nimmt Verschweigen dem anderen die Möglichkeit, selbst zu reagieren. Ein guter Konflikt entsteht oft dort, wo zwei nachvollziehbare Absichten nicht gleichzeitig erfüllt werden können.

Dafür braucht es keinen künstlichen Streit in jeder Szene. Nähe zeigt sich auch darin, dass Menschen einander kennen und kleine Veränderungen bemerken. Humor kann ebenfalls zu diesem Zusammenleben gehören. Wer jemanden liebt, spricht nicht ununterbrochen feierlich mit ihm. Man neckt sich, versteht eine Bemerkung falsch oder lacht im falschen Moment. Solche Stellen nehmen einer Bedrohung nicht zwangsläufig die Kraft. Sie zeigen, was durch sie auf dem Spiel steht.

Vom einzelnen Haushalt zur grossen Geschichte

FARBEN führt Ralf von Berlin bis nach Borneo. In den folgenden Bänden wächst der geografische Horizont weiter. Je grösser dieser Rahmen wird, desto wichtiger bleiben Beziehungen, die sich nicht in Zahlen ausdrücken lassen. Eine weltweite Gefahr ist schnell ausgesprochen. Was sie für einen Vater, einen Partner oder ein Kind bedeutet, muss dagegen erzählt werden. Erst dadurch wird aus Reichweite persönliche Bedeutung.

Wer FARBEN liest, folgt deshalb keinem losgelösten Superhelden, der zwischen Einsätzen keinerlei Verpflichtungen besitzt. Ralfs Gabe trifft auf ein bereits vorhandenes Leben. Dieses Leben macht seine Entscheidungen schwieriger und seine Motive verständlicher. Die aktuelle Leseprobe bietet den Einstieg in diese Ausgangslage. Man lernt einen Mann kennen, der etwas richten möchte. Wie weit dieser Wunsch ihn führen wird, kann er zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht überblicken.

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