Marcel TobienSchriftsteller

Marcel Tobien

Leni, Mia und Elias: Drei Freunde, drei verschiedene Ideen

Das Dorf der letzten Fragen

Das Dorf der letzten Fragen

Drei Kinder stehen vor demselben Rätsel. Es wäre praktisch, wenn sie sofort denselben Plan hätten. Es wäre nur keine besonders lebendige Geschichte. Leni, Mia und Elias reagieren unterschiedlich auf Wendheims Überraschungen. Gerade deshalb können sie einander helfen. Freundschaft bedeutet im Roman nicht, dass alle dieselben Gedanken besitzen. Sie bedeutet, dass die drei lernen, mit ihren verschiedenen Gedanken etwas anzufangen, auch wenn das manchmal Geduld verlangt.

Mia sorgt vor

Mia hat drei Bleistifte dabei. Dafür gibt es eine sehr vernünftige Erklärung: Einer kann herunterfallen, einer abbrechen, und einen verleiht man womöglich, ohne ihn wiederzubekommen. Diese kleine Beobachtung erzählt viel über sie. Sie rechnet mit Schwierigkeiten und möchte vorbereitet sein. Ihre Ordnungsliebe wird nicht nur behauptet. Man sieht sie an etwas, das sie tatsächlich mitnimmt und benutzt.

Solche Einzelheiten helfen Kindern, eine Figur wiederzuerkennen. Mia muss nicht jedes Mal als das sorgfältige Mädchen vorgestellt werden. Wenn sie eine Beobachtung aufschreibt oder einen Gegenstand ordentlich ablegt, ist ihre Art bereits da. Trotzdem ist sie nicht auf diese Eigenschaft beschränkt. Sie kann sich freuen, sorgen oder etwas wagen. Eine Figur wird erst dann interessant, wenn sie mehr darf als ihre erste Beschreibung.

Elias hält Freude nicht geheim

Elias freut sich über einen wiedergefundenen Schuh, als wäre gerade etwas Grossartiges geschehen. Für ihn ist es das auch. Er nimmt ihn an sich, zieht ihn an und lässt seine Freunde an seiner Freude teilhaben. Der Moment wird komisch, weil seine Erleichterung so deutlich sichtbar ist. Man lacht über die Situation und freut sich mit ihm, statt ihn für sein Gefühl lächerlich zu machen.

Diese Offenheit ergänzt Mias Vorsicht. Wo sie festhält, was sie beobachtet, reagiert Elias unmittelbar. Beides hat seinen Platz. Eine Gruppe, in der nur geplant wird, käme vielleicht nicht in Bewegung. Eine Gruppe, in der jeder sofort losläuft, könnte Wichtiges übersehen. Der Roman gewinnt dadurch Möglichkeiten für Konflikte, aber ebenso für Lösungen. Unterschiedliche Kinder müssen sich nicht gegenseitig ersetzen, um zusammenzugehören.

Leni möchte weiterfragen

Leni lässt sich von einem Hinweis nicht leicht abbringen. Als sie unter dem Dorf etwas entdeckt, das mit ihrem Vater zu tun hat, möchte sie wissen, was dahintersteckt. Diese Neugier treibt die Geschichte voran. Sie kann aber nicht jede Situation allein überblicken. Deshalb sind die anderen nicht bloss Begleiter, die neben ihr herlaufen. Ihre Wahrnehmungen und Entscheidungen gehören zum Abenteuer.

Eine besonders schöne Form von Zusammenarbeit entsteht, wenn die Kinder verschiedene Aufgaben übernehmen. Dann muss nicht einer alles können. Vertrauen bedeutet, dem anderen einen Teil zu überlassen. Das kann schwerer sein als gemeinsam denselben Weg zu gehen, weil man nicht jede Handlung selbst kontrolliert. Gerade in solchen Momenten wird sichtbar, ob aus einer Gruppe wirklich Freunde geworden sind.

Man kennt das vom gemeinsamen Bauen: Einer möchte sofort anfangen, jemand sucht noch das passende Teil, und ein anderer sieht bereits die Stelle, an der alles umkippen könnte. Keine dieser Reaktionen muss falsch sein. Zusammen werden sie nützlich. Eine Abenteuergruppe wird interessant, wenn solche Unterschiede erhalten bleiben, auch nachdem die Kinder beschlossen haben, füreinander einzustehen und eine Aufgabe gemeinsam anzupacken.

Zusammenhalt ohne perfekte Harmonie

Kinder dürfen in einer Geschichte widersprechen. Sie dürfen etwas ungeschickt sagen, sich ärgern oder einen Plan für schlecht halten. Wenn jede Meinungsverschiedenheit sofort glattgebügelt wird, wirkt die Freundschaft eher wie ein vorgeführtes Ideal. Glaubwürdiger ist, wenn ein Widerspruch Folgen hat und die Kinder trotzdem einen Weg zueinander finden. Dazu braucht es nicht immer eine grosse Versöhnungsrede.

Das Dorf der letzten Fragen lädt dazu ein, diese drei Freunde kennenzulernen, bevor man von ihnen eine Botschaft erwartet. Mia mit ihren Bleistiften, Elias mit seiner ansteckenden Freude und Leni mit ihren Fragen tragen die Geschichte gemeinsam. Für Kinder kann darin ein wertvoller Gedanke liegen: Man muss nicht genauso sein wie die anderen, um gebraucht zu werden. Der Roman zeigt das im Abenteuer, zwischen magischen Überraschungen und Momenten, in denen jemand für einen Freund da ist.

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