Gleich ist ein erstaunlich dehnbares Wort. Es kann bedeuten, dass jemand nur noch einen Schluck trinkt. Es kann aber auch bis zur nächsten Runde, zum nächsten Sieg und zum nächsten Abend reichen. Für den Menschen, der wartet, klingt es jedes Mal ähnlich. Für Ben Kellermann wird genau dieser Abstand wichtig. In GAME OVER ist er im Spiel hoch konzentriert, während die Menschen ausserhalb des Bildschirms immer weniger von seiner Aufmerksamkeit bekommen.
Ein Aufschub wirkt zunächst vernünftig
Nicht jede Unterbrechung lässt sich sofort beantworten. Wer mitten in einer Aufgabe steckt, möchte sie beenden. Auch ein gemeinsames Spiel kann Verpflichtungen gegenüber anderen Spielern enthalten. Der Konflikt wird interessanter, wenn eine Geschichte das versteht. Ben muss nicht grundlos unhöflich sein. Er kann überzeugt sein, gerade nur etwas fertigzumachen, das seine ganze Konzentration verlangt und gleich erledigt sein wird.
Die Schwierigkeit entsteht durch die Wiederholung. Nach einer Aufgabe kommt die nächste. Die Gelegenheit für das Gespräch verschiebt sich immer wieder. Für Bens Mutter oder seinen Freund Max zählt aber nicht nur, was er sich vorgenommen hat. Sie erleben, wie oft sie tatsächlich eine Antwort oder gemeinsame Zeit bekommen. Eine Absicht kann freundlich sein und trotzdem wenig verändern, solange sie nie in eine Handlung übergeht.
Zwei Uhren laufen nebeneinander
Im Spiel ist ein Moment vielleicht entscheidend. Wer zu spät reagiert, verpasst etwas. Im Familienalltag gibt es ebenfalls Augenblicke, die nicht beliebig wiederholbar sind. Jemand möchte gerade erzählen, was ihn beschäftigt. Ein Freund hat Zeit und Lust auf ein Treffen. Diese beiden Arten von Dringlichkeit geraten bei Ben aneinander. Er nimmt die eine sehr deutlich wahr und die andere zunehmend schlechter.
Ein Roman kann diesen Unterschied zeigen, indem er zwischen den Blicken wechselt. Was erlebt der Spieler? Was erlebt der Wartende? Keine Seite muss dafür mit einem Etikett versehen werden. Der Leser versteht die Spannung oft schon aus der Situation. Gerade kleine Alltagsmomente können dadurch mehr Wirkung haben als eine grosse Auseinandersetzung, in der alle ihre Positionen vollständig aussprechen.
Das Ungesagte bekommt in der Fantasy einen Ort
GAME OVER führt Ben ins Flüstern, eine Welt, in der ungehörte Worte, Gefühle und Erinnerungen landen. Die magische Idee nimmt damit etwas auf, das zuvor im Alltag kaum greifbar war. Was ist mit dem Satz, für den nie Zeit war? Was bleibt von einer Begegnung, die immer wieder verschoben wurde? Der Roman beantwortet solche Fragen durch Landschaften, Wesen und ein Abenteuer.
Das Flüstern ist deshalb mehr als eine Strafe dafür, dass Ben zu viel spielt. Eine blosse Bestrafung würde schnell eine eindeutige Lehre abliefern. Ein Abenteuer kann dagegen Neugier wecken. Ben begegnet Lira und Fummel, erlebt Magie und muss sich einer Bedrohung stellen. Seine Entwicklung entsteht innerhalb dieser Handlung. Der Leser darf mitfiebern, bevor er einen Gedanken daraus für den eigenen Alltag mitnimmt.
Auch ein Ende braucht manchmal Vorbereitung. Wer mitten in einer gemeinsamen Aufgabe steckt, empfindet ein plötzliches Abbrechen anders als jemand, der von aussen nur einen Bildschirm sieht. Das erklärt einen Konflikt, löst ihn aber noch nicht. Interessant wird das Gespräch dort, wo beide Seiten konkret werden: Was dauert noch? Wer wartet? Welche Zusage galt bereits, bevor die nächste Runde begonnen hat?
Aufmerksamkeit lässt sich nicht nur versprechen
Eine Beziehung merkt an konkreten Dingen, ob sich etwas verändert. Jemand legt eine Beschäftigung beiseite. Jemand fragt später tatsächlich nach. Jemand erinnert sich an das, was der andere erzählt hat. Solche Handlungen sind klein genug, um glaubwürdig zu sein, und wichtig genug, um einen Unterschied zu machen. Sie müssen nicht in einer perfekten Rede angekündigt werden, damit der Leser ihre Bedeutung erkennt.
GAME OVER erscheint im Herbst 2027 im Baeschlin Verlag. Der Roman erzählt von Gaming, Magie und einem Jungen, der im echten Leben immer mehr verpasst. Die Vorab-Leseprobe zeigt seine Begeisterung für das Spiel. Wer sich wegen ähnlicher Konflikte in der eigenen Familie Sorgen macht, findet auf der Elternhilfeseite zusätzlich konkrete Anlaufstellen. Dort geht es um Unterstützung im Alltag. Im Roman beginnt zunächst ein Abenteuer, das Ben aus seinem vertrauten Rhythmus herausholt.
