Marcel TobienSchriftsteller

Marcel Tobien

GAME OVER lesen, ohne selbst zu gamen

GAME OVER

GAME OVER

Wer selbst nicht spielt, kann bei Wörtern wie Clan oder Raid zunächst aussteigen. Dabei ist das Grundgefühl dahinter oft sehr vertraut. Eine Gruppe versucht gemeinsam etwas Schwieriges. Einer übernimmt Verantwortung. Ein gelungener Moment bringt Freude und Anerkennung. So lässt sich Ben Kellermanns Ausgangspunkt in GAME OVER verstehen, ohne jedes Spielsystem zu kennen. Die Begriffe gehören zu seiner Welt. Die menschliche Erfahrung dahinter gehört nicht nur Gamern.

Ein Clan ist zunächst eine Gruppe

Ben tritt im Spiel als ShadowBlade99 auf und führt seinen Clan. Für die Geschichte ist entscheidend, dass andere mit ihm zusammenarbeiten und etwas von ihm erwarten. Man kann diese Rolle mit Situationen vergleichen, in denen jemand in einem Team Verantwortung übernimmt. Der Vergleich macht nicht alle Unterschiede zwischen Spiel und Sport gleich. Er hilft lediglich, die Bedeutung der Zusammenarbeit zu erkennen.

Wenn Ben Erfolg hat, erlebt er nicht nur einen steigenden Punktestand. Er erlebt, dass er etwas kann und dass andere das bemerken. Diese Anerkennung erklärt einen Teil seiner Begeisterung. Ein Roman, der seinen Spieler ernst nimmt, muss diesen Reiz zeigen. Sonst bliebe nur ein Kind, das aus unerklärlichen Gründen nicht vom Bildschirm wegkommt. Das wäre weder besonders glaubwürdig noch besonders spannend.

Unbekannte Wörter brauchen einen Zusammenhang

Ein Text kann einen Begriff verständlich machen, indem er zeigt, was die Figuren tun. Man muss nicht nach jedem Wort einen Lexikoneintrag einschieben. Wenn ein gemeinsamer Angriff vorbereitet wird und Ben seinen Mitspielern Anweisungen gibt, erkennt der Leser die Situation. Die genaue technische Bezeichnung ist dann weniger wichtig als der Ablauf und die Reaktion der Beteiligten.

Das gilt übrigens auch für fantastische Wörter. Niemand kennt einen Flüsterling aus dem gewöhnlichen Alltag. Trotzdem kann Fummel beim Lesen greifbar werden, wenn sein Aussehen und sein Verhalten beschrieben werden. Ein unbekannter Name ist nicht automatisch ein Hindernis. Schwierig wird es erst, wenn der Leser weder weiss, was geschieht, noch versteht, weshalb es für die Figur gerade eine Rolle spielt.

Der eigentliche Konflikt liegt zwischen Menschen

Bens Mutter wartet auf eine Antwort, Max auf gemeinsame Zeit. Dafür braucht man keine Gaming-Erfahrung. Jeder kennt vermutlich eine Situation, in der jemand zwar im Raum war, aber mit seiner Aufmerksamkeit ganz woanders. GAME OVER macht daraus einen konkreten Konflikt. Ben ist im Spiel engagiert und im Alltag zunehmend abwesend. Diese Verbindung lässt sich auch von aussen nachvollziehen.

Der Roman richtet sich deshalb nicht nur an Menschen, die Bens Spielleidenschaft teilen. Wer sie kennt, kann sich in bestimmte Momente besonders schnell einfühlen. Wer sie nicht kennt, kann eine andere Seite entdecken. Beide Perspektiven dürfen nebeneinanderstehen. Ein gemeinsames Lesen muss nicht damit beginnen, dass einer dem anderen erklärt, welche Beschäftigung grundsätzlich die richtige sei.

Für ein Gespräch über das Buch reicht oft eine ganz einfache Frage: Worauf wartet gerade jemand? Darauf kann ein erfahrener Spieler genauso antworten wie ein Mensch, der noch nie ein Onlinegame geöffnet hat. Der Roman verbindet beide Blickwinkel über Beziehungen. Die Technik bildet einen Teil von Bens Alltag, doch die Folgen seiner Entscheidungen lassen sich ohne Wissen über Geräte, Programme oder Spielranglisten verstehen.

Danach beginnt eine andere Welt

Ein geheimnisvolles Buch führt Ben ins Flüstern. Dort begegnet er Lira und Fummel, entdeckt Magie und gerät in ein Abenteuer. Ein grauer Schleier bedroht diese Welt. Die Handlung bleibt also nicht bei der Beschreibung seines Computerspiels stehen. Das Gaming bildet einen wichtigen Ausgangspunkt für eine Geschichte, in der seine vertraute Art zu handeln auf neue Anforderungen trifft.

Die aktuelle Vorab-Leseprobe ist ein guter Weg, den Ton selbst auszuprobieren. Man muss sich nicht erst vorbereiten oder ein Glossar durcharbeiten. Es genügt, Ben in seinem ersten grossen Spielmoment zu begleiten und zu beobachten, was um ihn herum passiert. GAME OVER erscheint im Herbst 2027 im Baeschlin Verlag. Die wichtigste Frage beim Einstieg lautet nicht, ob man jeden Begriff kennt, sondern ob man wissen möchte, was aus diesem Jungen wird.

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