Ben Kellermann kann etwas richtig gut. Als ShadowBlade99 führt er seinen Clan durch gefährliche Situationen, reagiert schnell und erlebt, dass andere auf ihn zählen. Das sollte man verstehen, bevor man über seinen Rückzug spricht. In GAME OVER ist das Spielen nicht einfach ein beliebiger Zeitvertreib, den Ben ohne Weiteres gegen etwas anderes austauschen könnte. Es gibt ihm Erfolg und einen Platz. Gleichzeitig verliert er immer mehr aus dem Blick, was ausserhalb des Spiels geschieht.
Im Spiel wird er gebraucht
Wer Ben nur als Jungen vor einem Bildschirm sieht, erkennt einen wichtigen Teil seiner Erfahrung nicht. Für ihn sind dort Aufgaben, Mitspieler und gemeinsame Ziele. Ein gelungener Moment kann sich grossartig anfühlen. Die aktuelle Leseprobe beginnt mitten in dieser Begeisterung. Ben ist nicht passiv. Er ist konzentriert, entschlossen und überzeugt davon, dass es gerade auf ihn ankommt.
Dieser Einstieg verhindert eine einfache Aufteilung in wertvolles Leben und wertloses Spielen. Das Problem der Figur besteht nicht darin, überhaupt Freude an Games zu haben. Es entsteht, weil diese Freude immer mehr Raum einnimmt. Andere Menschen warten, während für Ben die nächste Runde bereits begonnen hat. Was ihm wichtig ist, wird so dringend, dass er kaum noch wahrnimmt, was für die anderen dringend wäre.
Zu Hause sein ist nicht dasselbe wie anwesend sein
Bens Mutter möchte eine Antwort. Sein Freund Max möchte Zeit mit ihm verbringen. Ben ist erreichbar und zugleich schwer zu erreichen. Diese Spannung lässt sich in einer Geschichte besonders gut über kleine Begegnungen zeigen. Ein kurzer Aufschub klingt zunächst harmlos. Wenn er sich wiederholt, verändert er eine Beziehung. Aus einem später kann für den Wartenden irgendwann ein offenbar gar nicht werden.
Dabei muss die Handlung Ben nicht als gefühllos erklären. Er kann Menschen mögen und sie trotzdem vernachlässigen. Gerade dieser Widerspruch macht ihn interessant. Seine Absicht und die Wirkung seines Verhaltens passen nicht zusammen. Der Leser darf beides sehen: den begeisterten Spieler und den Jungen, der im echten Leben etwas verpasst, das sich nicht einfach auf den nächsten Tag verschieben lässt.
Das Abenteuer bringt ihn aus seiner gewohnten Rolle
Ein geheimnisvolles Buch führt Ben ins Flüstern. Dort sind Magie und Gefahr nicht mehr Bilder, die er vom Schreibtisch aus steuert. Er begegnet der Wächterin Lira und dem goldenen Flüsterling Fummel. Ein grauer Schleier bedroht diese Welt. Ben muss sich auf Menschen und Wesen einlassen, deren Reaktionen nicht nach den Abläufen seines vertrauten Spiels funktionieren.
Das bedeutet nicht, dass alles, was er als Spieler kann, plötzlich bedeutungslos wäre. Ein spannender Roman muss eine Figur nicht erst entwerten, bevor sie etwas Neues lernen darf. Er kann sie in Situationen bringen, in denen ihre bisherigen Stärken allein nicht reichen. Ben erlebt ein Abenteuer, bei dem Aufmerksamkeit mehr sein muss als die Konzentration auf den nächsten Gegner.
Das Wort gleich kann für zwei Menschen völlig verschiedene Zeiträume meinen. Für Ben reicht es vielleicht noch bis zum Ende einer Aufgabe. Für jemanden, der auf ihn wartet, ist die Verabredung bereits vorbei. Der Konflikt entsteht damit nicht erst bei einem grossen Streit. Er wächst in kleinen Verschiebungen des Alltags, die auf der einen Seite kaum auffallen und auf der anderen immer schwerer wiegen.
Eine Geschichte, kein Urteil über alle Spieler
GAME OVER erzählt von Ben. Er ist keine Diagnose und kein Beweis dafür, dass jedes spielende Kind denselben Weg nimmt. Seine Geschichte kann aber etwas sichtbar machen, das Eltern und Kinder wiedererkennen: den Unterschied zwischen einer geliebten Beschäftigung und einem Alltag, der kaum noch Platz für andere Menschen lässt. Der Roman erzählt diesen Konflikt durch Magie und Abenteuer, statt ihn als Vortrag zu behandeln.
Wer sich wegen des eigenen Kindes Sorgen macht, findet auf der Elternhilfeseite praktische Orientierung und externe Beratungsangebote. Ein Roman ersetzt diese Unterstützung nicht. Er kann jedoch eine Figur anbieten, über die sich sprechen lässt, ohne sofort jemanden aus der Familie zum Beispiel zu erklären. GAME OVER erscheint im Herbst 2027 im Baeschlin Verlag. Die aktuelle Vorab-Leseprobe zeigt schon jetzt den Jungen, der im Spiel ganz vorn dabei ist und dabei anderswo immer mehr verliert.
