Marcel TobienSchriftsteller

Marcel Tobien

Max wartet: Freundschaft ausserhalb des Spiels

GAME OVER

GAME OVER

Eine Freundschaft kann leiser werden, ohne dass es einen grossen Streit gibt. Einer fragt seltener, weil er die Antwort schon erwartet. Der andere merkt nicht, dass er immer wieder vertröstet. In GAME OVER wartet Max auf gemeinsame Zeit mit Ben. Die beiden kennen sich seit dem Kindergarten. Das macht ihre Beziehung anders als eine flüchtige Bekanntschaft. Es gibt bereits etwas Gemeinsames, bevor Bens Rückzug ins Spielen diese Verbindung belastet.

Alte Nähe erledigt sich nicht von allein

Wer einen Menschen lange kennt, kann leicht annehmen, dass die Beziehung einfach weiterbesteht. Man muss sich nicht jedes Mal vorstellen, kennt frühere Erlebnisse und versteht bestimmte Bemerkungen sofort. Diese Vertrautheit ist wertvoll. Sie ersetzt aber nicht jede neue Begegnung. Auch eine alte Freundschaft braucht Momente, in denen beide tatsächlich anwesend sind und etwas vom Leben des anderen mitbekommen.

Für Ben ist sein Spiel gerade besonders dringend. Dort warten Mitspieler und Aufgaben. Max wartet auf etwas, das sich weniger deutlich in einem Fortschrittsbalken zeigt. Diese unterschiedliche Sicht macht den Konflikt verständlich. Niemand muss dazu einen Vortrag über den Wert von Freundschaft halten. Es genügt, zu erleben, wie eine Verabredung für den einen wichtig bleibt und für den anderen immer weiter nach hinten rutscht.

Onlinekontakte sind nicht automatisch unecht

Es wäre zu einfach, jede Begegnung im Spiel abzuwerten und nur das Treffen ausserhalb des Bildschirms als echte Freundschaft zu bezeichnen. Ben erlebt in seinem Clan Zusammenarbeit und Anerkennung. Das gehört zu seiner Freude am Gaming. Der Roman gewinnt, wenn man diese Freude ernst nimmt. Sonst wäre schwer zu verstehen, weshalb das Spielen für ihn so viel Anziehung besitzt.

Der Konflikt liegt darin, was dabei verloren geht. Wenn eine Verbindung fast alle Aufmerksamkeit beansprucht, können andere Beziehungen darunter leiden. Ben muss nicht zwischen guten und schlechten Menschen in zwei Welten sortieren. Er steht vor der schwierigeren Frage, ob er diejenigen noch wahrnimmt, die ausserhalb seines Spiels etwas von ihm brauchen. Die Antwort zeigt sich in Handlungen, nicht im richtigen Etikett für einen Kontakt.

Ein Freund darf enttäuscht sein

Max muss nicht grenzenlos geduldig bleiben, nur damit Ben sympathisch wirkt. Wenn jemand wartet und wiederholt keine Zeit bekommt, darf das etwas mit ihm machen. Eine glaubwürdige Nebenfigur besitzt eigene Wünsche. Sie existiert nicht bloss, um der Hauptfigur irgendwann eine Lektion zu ermöglichen. Gerade diese Eigenständigkeit gibt einer Freundschaft Gewicht: Der andere Mensch könnte auch anders reagieren, als man es sich bequem vorstellt.

Für Leser kann darin eine wichtige Beobachtung liegen. Gute Absichten verhindern nicht jede Verletzung. Man kann einen Freund mögen und sich trotzdem so verhalten, dass er sich unwichtig fühlt. Das zu erkennen ist unangenehm, aber erzählerisch interessant. Eine Geschichte darf diesen Widerspruch zeigen, ohne ihren Figuren sofort eine einfache Rolle als Täter oder Opfer zuzuweisen.

Freundschaft besitzt selten einen sichtbaren Fortschrittsbalken. Niemand meldet zuverlässig, dass noch zwei Gespräche fehlen, bis alles wieder gut ist. Gerade deshalb kann sie schwieriger wirken als eine klar beschriebene Aufgabe im Spiel. Ben muss mit Menschen umgehen, deren Reaktionen er nicht einfach berechnen kann. Darin liegt eine eigene Spannung: Eine Antwort kann ehrlich gemeint sein und trotzdem anders ankommen, als er erwartet hat.

Neue Begegnungen verändern den Blick

Im Flüstern begegnet Ben Lira und Fummel. Seine magischen Begleiter bringen andere Erfahrungen und Erwartungen mit. Das Abenteuer eröffnet ihm Beziehungen, in denen seine vertraute Rolle als erfolgreicher Spieler nicht alles bestimmt. Er muss genauer wahrnehmen, was jemand meint und braucht. Wie diese Erfahrungen sein Verständnis von Nähe verändern, entdeckt man mit ihm im Verlauf der Geschichte.

GAME OVER erscheint im Herbst 2027 im Baeschlin Verlag. Wer Ben kennenlernen möchte, findet eine aktuelle Vorab-Leseprobe auf der Buchseite. Beim Lesen lohnt sich ein Blick auf die kleinen Unterbrechungen zwischen den grossen Spielmomenten. Manchmal zeigt gerade ein Mensch, der wartet, wie viel in einer Geschichte auf dem Spiel steht. Auch dann, wenn kein Gegner auf dem Bildschirm zu sehen ist und kein Punktestand diese Bedeutung anzeigt.

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